Raymund Brunner betreibt im Wald bei Guxhagen eine Uhu-Pflegestation, die er allabendlich aufsucht, um die Nachtgreife in den Volieren zu füttern. Auf dem Weg dorthin wird er stets von seinem Hund begleitet. Im April und Mai 2011 trafen die beiden in einem bestimmten Bereich des Waldwegs immer mal wieder auf einen Luchs, der allerhand unternahm, um Hund und Herrn aus diesem Areal zu vertreiben. Raymund Brunner hat uns seine Tagebuch-Notizen geschickt, die wir hier auszugsweise wiedergeben:
06.04.2011, 20.45 Uhr
Mein Hund Inu nimmt eine Spur auf, zerrt an der zehn Meter langen Leine, steht dann und knurrt; Taschenlampe an, zwei glühende Augen starren uns an. Eine Katze, so groß wie ein Schäferhund liegt im Unterholz, Entfernung 8-10 Meter. Der Hund will zum Luchs, der Luchs zum Hund. Also langsamer Rückzug. Der Luchs folgt uns. Ich will kein Risiko eingehen, renne los, den Hund hinter mir herziehend. Die Katze lässt sich nicht abschütteln. Noch etwa 150 Meter folgt sie uns, schwingt sich dann auf einen Holzstoß und bleibt dort sitzen. Der Puls hämmert, der Schweiß auf der Stirn, aber ich bin glücklich über diese seltene Begegnung.
08.04.2011, 20.00 Uhr
Heute bin ich früher los, um mir die Örtlichkeit meiner ersten Luchsbegegnung bei Tageslicht anzuschauen. Also rein in das Gestrüpp, Hund und Mensch haben Nase und Augen auf den Untergrund geheftet. Ich mache eine Körperdrehung und schaue auf.
Da steht der Luchs plötzlich vor uns, souverän, interessiert, ein leises Knurren geht von ihm aus. Wir ziehen uns vorsichtig zurück auf den Weg. Die Hundeleine wird kurz, der Hund bleibt angespannt aber ruhig. Heute rennst du nicht weg, schießt es mir durch den Kopf, soll die Katze kommen. Und sie kommt, ein wunderschönes Tier, schlank, geschmeidig, und diese Augen. Der Abstand beträgt nur noch ca. 2,50 Meter, dann macht sie halt. Der Hund knurrt, die Katze knurrt. Dem Tier zugewandt langsamer Rückzug rückwärts, der Luchs hält den Abstand, kommt aber mit. Hätte ich doch eine Fotokamera dabei, das gäbe Spitzenfotos! Da ich das Uhufutter noch in der Tasche habe, nehme ich ein totes Eintagsküken und werfe es ihm vor die Pfoten. Ein kurzes Schnuppern, ein verächtlicher Blick, die Katze setzt sich und leckt sich das Fell. Ich werde mutiger und gehe langsam auf das Tier zu. Der Luchs weicht zurück, hält aber die kurze Distanz ein. So gehen wir zurück auf den Ausgangspunkt unserer Begegnung. Es raschelt, ein Feldhase stürzt aufgeregt davon. Der Luchs beriecht das Lager, setzt sich dann in Seelenruhe und beäugt die Umgebung. Langsam vergrößern wir den Abstand zu ihm. Ein Denkmal in der Abendsonne, dieses Bild prägt sich in mir ein. Unsere Begegnung hat eine halbe Stunde gedauert und ich muss gehen, um die Uhus zu füttern.
10.04.2011, 21.15 Uhr
Meinem Freund Gerhard habe ich begeistert von meinen Beobachtungen berichtet und heute Abend begleitet er mich, bewaffnet mit einer kleinen Kamera. Ein Luchs kommt nicht auf Bestellung, denke ich mutlos und wir sind schon auf dem Heimweg. Da, auf der Schneise eine Bewegung, könnte ein Reh sein, denke ich noch. Das Fernglas kommt zum Einsatz, es ist der Luchs. Langsam kommt er auf uns zu, fieberhaft betätigt Gerhard seine Kamera. Die Verhaltensweisen sind die gleichen, der Hund knurrt, der Luchs knurrt. Es fehlt nur noch, dass Inu zur Begrüßung mit dem Schwanz wedelt. Vor lauter Aufregung vergesse ich, die Taschenlampe zur besseren Bildqualität einzusetzen. Die Katze hat sich mittlerweile wie eine Filmdiva niedergelassen. Dann erhebt sie sich und trottet von dannen.
Bis weit in den Mai hinein kam es in diesem Waldbereich zu weiteren Begegnungen. Ihre Kontinuität legt zunächst nahe, dass es sich um eine Luchsin gehandelt hat, die in einem Versteck in der Nähe ihre Jungen verborgen hielt. Deshalb wollte sie vermutlich Hund und Mensch auf Distanz halten. In den ersten sechs Wochen ihres Lebens sind Jungluchse noch nicht mit ihrer Mutter „auf Wanderschaft“, sondern werden in einem Unterschlupf versorgt. Laut Fachliteratur werfen Luchsinnen allerdings frühestens Anfang Mai. Insofern muss hinter unserer Vermutung ein Fragezeichen stehen. Andere Interpretationen bieten sich allerdings auch nicht an. Luchse verteidigen zwar in ähnlicher Weise ihren Riss, doch der ist nach wenigen Tagen vollständig genutzt. Die Begegnungen über Wochen hinweg im immer gleichen Areal können so nicht erklärt werden.
Wir danken Raymund Brunner für die Überlassung seiner Notizen und Gerhard Meyer für die eindrucksvollen Fotos.